Still und einfach Ja sagen – zum Leben zum Beispiel

photo credit: Kristoffer Roller

Meine Freundin hat JA gesagt. Und ich war nicht dabei. War ich in Neuseeland? Im Senegal, oder in Chiang Mai? Nein, nein, ich war um die Ecke. Ich war sogar vor Ort.

Ich war sogar früher da, um zu helfen. Aber in der entscheidenden Minute, als es losgehen sollte zum Standesamt – da holte ich nur noch kurz meine Tasche und als ich wieder raus kam – waren alle Autos weg. Leider war das Standesamt 30 Kilometer entfernt (Brandenburg, seufz..) – ohne Auto nichts zu machen. Taxis? Fehlanzeige.

Da stand ich also und lächelte, was soll man sonst machen. Ich habe die Tendenz, in Augenblicken, in denen andere richtig wütend werden, oder sich fragen, was denn jetzt schon wieder schief läuft, einfach zu lächeln. Schock-Lächeln könnte man das wohl auch nennen. Tja. Hmm. Ach, egal. Ich lass das jetzt so.

Ich habe dann gehört, dass das JA-Wort von beiden, Braut und Bräutigam, besonders schön gewesen sein muss. Beide Schauspieler, die wissen was sie tun, und wie das zu klingen hat. Beide hatten sich aber wohl sogar selbst überrascht mit ihren schönen, klaren JAs.

Als Stimmtrainerin hätte mich das JA natürlich schwer interessiert. Wie sagt man klar und einfach und bestimmt JA? Zum geliebten andern. Zu sich selbst. Zum Leben.

Die beiden haben es geschafft. Die Gäste spachen beim Sektempfang unaufhörlich von diesen schönen beiden JAs. Da hatte ich mich schon wieder gefangen, die Sonne genossen, gelächelt und mich gefreut, dass sie es so gut hatten. Und den Bräutigam gefragt, wie es denn war.

Und für dieses schöne Gesicht und diese strahlenden Augen hat es sich dann doch gelohnt, dass ich nicht dabei war. Sonst hätte ich nämlich nicht gefragt. Und er hätte es mir nicht so wunderbar erzählt. Dass es nämlich aufregend war und toll und schön und beängstigend und befreiend und einfach und doch nicht so einfach und schön.

Ich konnte dann ihre beiden JAs mit meiner Vorstellungskraft hören (oder sagt man dann Vorhörungskraft?) und sie klangen großartig.

Still und einfach und schön und klar JA sagen.

photo credit: Shelby Deeter

Dafür müssen wir nicht laut sein, und es müssen auch nicht alle im Raum hören. Wichtig ist, dass es der richtige hört. Der, für den es wirklich zählt. Der muss es hören. Die beiden haben sich gehört – gehört, wie sie JA zueinander sagen.

Kommt es mir nur so vor – oder ist das die echte Aufgabe in unserer Gesellschaft? In unserer Zeit – in unserem Leben? Still und einfach JA zu sagen.

Die beiden sagen ja nicht nur zu ihren sonnigen Zeiten JA. Sie sagen auch JA zum Schnarchen, zum nachts nicht schlafen, zum Sorgen teilen, zum streiten, zum Uneins-Sein, zu ihren Macken, zum Türen Knallen, zum verzweifeln, zum Lösungen finden, zum weitermachen, zum durchstehen. Diese beiden wissen um einander, sie haben schon 8 Jahre Beziehung und 2 Kinder miteinander, sie trauen sich JA zu sagen, denn sie sagen schon seit 8 Jahren wieder und wieder JA zueinander.

Ich bin ziemlich beeindruckt. Da muss ich bei diesem JA eigentlich nicht dabei sein. Um zu bezeugen, dass sie JA sagen. Das kann ich seit 8 Jahren bezeugen.

Am nächsten Tag war dann gleich Zerreißprobe hoch 10. Erst: Verkatert und mit zu wenig Schlaf eine Hochzeit aufräumen. Hurra. Dann aber – Der SuperGAU: Das große Kind verschluckt ein Spielzeugteil und bekommt keine Luft mehr. Panik. Notarzt. Krankenhaus.

Und zwei, die da sind. Für ihr Kind, für ihr anderes Kind, für sich gegenseitig, für sich selbst. Die das durchstehen. Jetzt, mit 2 Tagen Abstand, ist es mir, als hätten sie da nochmal JA gesagt. Als sagten sie es wieder und wieder.

Das ist es, was wir tun dürfen, wenn wir dieses Leben wirklich und absolut leben wollen.

JA und JA und immer wieder JA sagen. Denn seien wir ehrlich. Es ist beängstigend, zu einem anderen Menschen JA zu sagen. Aber zu diesem Leben JA zu sagen, diesem Leben, das Liebeskummer, und gefährliche Spielzeugteile und Verluste und den Tod bereit hält, zu diesem Leben wirklich JA zu sagen, ist noch beängstigender. Deswegen haben wir ja soviele Versicherungen. Die uns am Ende des Tages nicht viel nützen. Den Mut, JA zu sagen, müssen wir selber haben.

Dann ist es auch egal, dass ich bei dem JA von anderen nicht dabei bin. Hauptsache sie sind bei sich selbst dabei. Und Hauptsache, ich bin bei mir selbst dabei. Hauptsache, ich sage mein JA. Hauptsache, ich höre mein JA.

photo credit: Joshua Earle

Joseph Beuys hat es dann auch sehr schön gesagt, in seinem wunderbaren ‚How to be an artist‘: Mach kleine Zeichen, die JA sagen und verteile sie überall in deinem Haus.

Als Erinnerung, falls wir es mal vergessen.

Und John Lennon  erzählte, wie er Yoko Ono kennenlernte: Er war auf einer Ausstellung in New York, in dieser Galerie und in der Mitte des Raumes stand eine Leiter, auf die man klettern musste, um das Wort an der Decke lesen zu können. Er kletterte hoch, und da stand, klein, und schwarz auf weiß: YES. Lennon meinte, in dem Augenblick wollte er unbedingt die Künstlerin kennenlernen. Wenn da NO gestanden hätte, wäre er nicht interessiert gewesen.

JA, JA und noch einmal JA. Zu allen unbeantworteten Fragen, zu allen Katastrophen und allen unglaublich wunderschönen, monumentalen, kleinen, schrecklichen, unwichtigen, doofen und berührenden Momenten unseres Lebens. In Brandenburg, Neuseeland, dem Senegal, Chiang Mai. Überall. JA. Hurra.

Alles Liebe. Immer.

Maren*