Gute Antworten haben – das will gelernt sein

photo credit: Samuel Scrimshaw

Alles was mit der Stimme zu tun hat… da gehört auch das Schlagfertig Sein dazu. Tough. Wenn eine Ansage kommt, eben nicht wieder etwas in den eigenen Bart murmeln – sondern laut und deutlich was richtig gutes dazu sagen.

Wie oft träumen wir davon?

Letzte Woche war ich damit mal wieder in Berlin unterwegs. Mit diesem Traum des Schlagfertig Seins. Was war passiert?

Nun, als Frau in Berlin (oder auch woanders auf der Welt) muss man sich öfter mal das Wort ‚Fotze‘ anhören. Meistens verstehe ich erst Minuten später, dass der Mann da im Auto oder an der Straßenecke mich gemeint hat. So abwegig ist das Wort in meinem Sprachgebrauch. Aber ja, doch, auch ich werde des öfteren als ‚Fotze‘ betitelt.

Als die Information des Wortes in meinem Gehirn endlich die richtige Stelle erreicht hatte, und in meinem Kopf die Warnlampe mit ‚Wie bitte???!!?‘ und ‚Das hat der gerade gesagt??!‘ und ‚Der meint das ernst??!!‘ endlich anging – da war der Mann auf jeden Fall schon lange weg. Das machen sie ja gerne. Sie werfen es dir im vorbei gehen zu, ignorant und arrogant und dumm. Und dann gehen sie. Biegen einfach um die Ecke und lassen dich mit dem ekligen Gefühl alleine.

Ich jedenfalls hatte den Rest meiner Heimfahrt auf dem Fahrrad genügend Zeit, mich aufzuregen.

Beziehungsweise hatte ich eine bessere Idee! Eine viel bessere! Anstatt mich aufzuregen, beschloss ich, mir für das nächste Mal eine tolle Antwort zu überlegen. Eine geniale Antwort. Für das nächste Mal. Denn das nächste Mal kommt bestimmt.

Hier ist nun also meine Antwort. Stellt euch einfach vor, ihr hättet mich gerade Fotze genannt (sehr abwegig, ich weiss, aber für meine exzellente Antwort durchaus einen Versuch wert). Also aufgepasst. Es geht los:

„Entschuldigung, könnten Sie das gerade nochmal wiederholen? Ich habe das nicht richtig verstanden.

(Im Idealfall sagt er es dann noch einmal, laut und deutlich: ‚Fotze!‘)

Ah, Sie haben Fotze zu mir gesagt. Was meinen Sie bitte damit? Nur um hier ganz klar zu sein – Meinen Sie damit die Vagina einer Frau? Also – die Vagina, Scheide, Muschi, Möse, Yoni so ganz im Allgemeinen? Die Vagina also, die ihre Mutter auch hat? Die Vagina, durch die ihre Mutter sie durch gepresst hat, damit sie nun hier stehen und reden können?

(Meine Freunde meinen, wenn ich bis hierher komme, und noch heil bin, dann habe ich viel Glück gehabt, aber stellen wir uns einfach vor, der Mann ist zu erstaunt, dass die ‚Fotze‘ überhaupt sprechen kann, sodass er immer noch zuhört.)

Sie meinen also die Vagina im Allgemeinen, durch die sie mit ihrem Kopf, ihrem Mund, ihren Armen und Beinen, kurz, sie als ganzer Mensch hindurchgekommen sind. Okay. Nur dass ich Sie richtig verstehe: Sie finden also, dass ich eine Vagina bin.

Aha. Also ich habe ja gedacht, dass ich ein menschliches Wesen bin. Ein schönes, aufrechtes menschliches Wesen. Mit einer Vagina. Auf die ich übrigens sehr stolz bin. Tatsächlich, ich bin sehr froh, dass ich sie habe. Sie ist nämlich schön und toll und man kann mit ihr wunderbare Dinge tun, unter anderem kann man sogar Menschen wie Sie auf die Welt bringen, damit Sie leben, und atmen und die Schönheit der Welt erfahren können. Unmöglich? Aber wahr.

Aber wenn Sie nun davon ausgehen, dass ich eine Fotze bin, also eine wandelnde Fotze. Kein Mensch, keine Frau, kein zauberhaftes Wesen, sondern eine Fotze, dann bedeutet das also, dass Sie sich selbst als Penis sehen.

Nun, ich hatte ja gedacht, dass Sie auch ein Mensch sind. Genauer, ein Mann. Mit einem Gehirn, mit Gefühlen, mit einem Herz, mit Verstand, mit Liebe, mit Kunstverständnis, mit Mitgefühl, mit Intelligenz und mit einem Penis. Das habe ich gedacht, dass Sie das sind.

Aber bitte, okay, wenn Sie lieber ein Penis sein wollen, bitte sehr. Kein Problem, Sie Penis.

Viel Spaß dabei!“

So. Wenn ich das gesagt habe und immer noch lebe, dann habe ich endlich mal so reagiert, wie ich in einem solchen Falle reagieren will. Ich habe den Mund aufgemacht, anstatt wieder dem komischen Typen mit den verqueren Ideen das Feld zu überlassen.

Das ist nun ein radikales Beispiel für die Antworten, die wir uns manchmal einfach schon vorher überlegen sollten. Und wie einen Text üben müssen. Wie die Schauspieler auf der Bühne. Das ist kein Witz.
Wenn wir einen Vortrag spannend und leicht und eloquent rüberbringen wollen, dann sollten wir vorher besser üben. Und uns auf die unangenehmen Fragen der Leute aus der ersten Reihe vorbereiten, die uns aus dem Konzept bringen wollen. Dann sind wir ihnen nämlich einen Schritt voraus.

Und das macht gute Laune. Und entspannt.

Vortrags-Dramaturgie nennt man das. Witze machen können, an den richtigen Stellen. Sich nicht verunsichern lassen. Wissen, wo es lang geht. Den Faden immer wieder aufnehmen können.

Wer glaubt, die Profis können das aus dem Stehgreif schütteln, der irrt. Die Profis wissen einfach, dass sie üben müssen. Dass sie sich vorbereiten müssen. Dass sie darauf gefasst sein können, dass Fragen kommen, manchmal auch doofe, und dass sie dann wissen, was sie tun.

Nicht die anderen lassen uns auflaufen – nur wir selbst lassen uns auflaufen, wenn wir uns ganz allein lassen.

Aber wenn wir auf dem Fahrrard fahren und uns die nächste gute Antwort überlegen oder im Training üben, wann wir die Zuschauer direkt ansprechen, damit sie wieder wach werden, dann lassen wir uns nicht alleine. Sondern übernehmen Verantwortung. Für uns selbst, und damit für alle.

Wirklich, ich kann es nun kaum erwarten, wann der nächste Idiot wieder mit dem F-Wort kommt. Lange kann das ja nicht dauern. Ich werde berichten. Falls ich noch lebe 😉

Alles Liebe. Immer.

Maren.