Mein Motto für 2017: „Sich supporten und auf die Kacke hauen“

Gerade erst wieder bin ich bei dem tollen Edition F – Event ‚Hamburgs starke Frauen‘ im mindspace Hamburg darüber gestolpert: Um Hilfe bitten, bitte!

Was ist das nur mit diesem ‚Alles Alleine Machen Wollen‘? Alles schaffen, am besten gestern, und bitte alleine, damit niemand auf den Gedanken kommen könnte, man wäre schwach. Dabei ist um Hilfe bitten notwendig, wenn man seinen Weg gehen will, das wurde bei Edition F im Laufe des Abends sehr klar.

Da waren 5 tolle Frauen vorne im Gespräch – und 250 tolle Frauen hörten gespannt zu, als Sanja Stankovic (Gründerin Digital Media Women & Hamburg Startups), Lisa Van Hoodsen (Gründerin femtastics), Ninon Götz (Gründerin Très Click) und Melodie Michelberger (Gründerin TRUST THE GIRLS) – mit den Ladies von Edition F – Susann Hoffmann und Nora-Vanessa Wohlert – zusammen saßen. Der Abend war gut organisiert und schön vorbereitet – und vor allem waren 4 unglaublich interessante Frauen an den Mikros, fast alle von ihnen Mamas, die darüber berichteten, wie das Leben so als Gründerin ist – nämlich häufig alles andere als einfach.

4 starke Frauen bei Edition F in Hamburg
Das Edition F Team mit Kind und Kegel

 

 

 

 

 

 

 

Aber – und da waren sich alle einig – besser als die feste Arbeit im Verlag (oder anderswo). Mit Kollegen, die man sich nicht aussuchen kann, mit unkreativen Arbeitsaufgaben – und vor allem mit einer Blockade-Haltung von Chefs, was neue Ideen und anderen Wege angeht. Darunter haben sie alle gelitten. Und dieser Leidensdruck, so meinte Sanja Stankovic dann auch, der wäre es gewesen, der sie am Ende dazu gebracht hätte, sich an die Verwirklichung ihrer Träume zu wagen.

Es nicht mehr auszuhalten, wirklich etwas anderes machen zu müssen, weil sonst die Seele nicht mehr mitmacht, das spüren wir alle immer wieder. Ich selbst hatte das Gefühl ebenfalls extrem vor ein paar Jahren. Mir war schlecht auf meiner Arbeit. Ich war verzweifelt, weil ich das Gefühl hatte, unheimlich viel meiner Zeit in Projekte zu stecken, die mich erstens nicht glücklich machten, und zweitens – und das war viel schwerwiegender – mich vollkommen weg brachten von meinem gefühlten Lebensweg und meiner Aufgabe. Ich kann auch mal unglücklich (oder sagen wir, genervt) arbeiten – wenn ich innerlich weiß wofür, wenn ich weiß, dass es mich weiterbringt, dass es sinnstiftend ist und grundsätzlich meiner Arbeit dient. Meiner Arbeit, die wichtig ist für andere Menschen und wichtig ist für mich.

Wenn das alles fehlt, dann kann es zum Burn-Out kommen, ein Phänomen, das vor allem in westlich geprägten Industrie-Staaten stark zugenommen hat. Ich habe selbst keinen gehabt, aber ich kenne Freundinnen, die hart darauf zu schlitterten. Und dass ich mit Magenschmerzen auf der Arbeit saß, kam mir auch nicht als wahrhaft rosiges Zeichen vor. In vielen Gesprächen mit einer Freundin habe ich dann den Entschluß gefasst, grundsätzlich etwas zu ändern. Soll ich ehrlich sein? – Ich hatte die Hosen gestrichen voll. Ich musste mich von Arbeitgebern verabschieden, aber auch aus alten Projekten und von langjährigen Wegbegleiterinnen und Kolleginnen. Ich weiß nicht, ob ich den Schritt gewagt hätte, ohne die Unterstützung von wirklich guten Freundinnen, und den Frauen, mit denen ich mich regelmäßig im Kreis treffe. Sie alle haben mich gehalten, unterstützt und auch mal einfach umarmt. Sie haben die Stange hoch gehalten. Sie haben an mich geglaubt. Melodie Michelberger wird im Interview gefragt, was ihr Trick war, um das alles zu schaffen. Das alles – das meint, zu gründen, als alleinerziehende Mutter, und nach einem schwer wiegenden Burn-Out. Und sie sagt, ganz schlicht, „Um Hilfe zu bitten“.

photo credit: Evan Kirby, unsplash.com

Die Einzelkämpfer-Rolle aufgeben. Die meisten von uns sind groß geworden mit einem Frauenbild, dass unbedingt konträr zur klassischen Haus- und Herdrolle steht. Eigene Arbeit, eigenes Geld, größtmögliche Unabhängigkeit von Männern. Größtmögliche Unabhängigkeit insgesamt. Auch von anderen, die vielleicht helfen könnten, unterstützen, beraten. Gleichzeitig sind viele alte Anforderungen geblieben. Meistens wird die Überforderung damit dann perfekt. Zu sagen, ‚Ich stecke fest, bitte hilf mir‘ oder auch schlicht ‚Kannst du eine Suppe kochen?‘ Das schaffe ich auch nicht immer – vielleicht dann wenn der Leidensdruck zu groß wird. Dabei wünsche ich mir für mich selbst, einfach mal früher um Hilfe zu bitten. Bevor ich am Limit bin.

Nun stehe ich am Dienstag abend mit diesen vielen schönen Frauen im mindspace, und sehe die stark wirkende und vorwärts gehende, leuchtende Melodie Michelberger (aka Melanie-Jasmin Jeske) vorne, die davon spricht, wie wichtig ist, um Hilfe zu bitten.

‚Danke‘, möchte ich rufen, denn ich weiß wie wichtig ist, Hilfe auch annehmen zu können – voller Dankbarkeit und Freude, ganz ohne schlechtes Gewissen.

In anderen Kulturen ist ein ungefragter support selbstverständlicher. Und unter Männern ist gegenseitiger support in vielen Bereichen ebenfalls klarer organisiert, hat mir ein Kollege verraten. ‚Seilschaft‘ nennt man das auch, eine sehr positve Sache, leider sehr negativ besetzt. Seilschaft bedeutet: Gegenseitige Hilfe – durch Wissensweitergabe, support bei der Stellensuche, Geldinvestitionen. ‚Seilschaft‘ – aus dem Bergklettern entlehnt – bedeutet aber zuerst einmal: Einer klettert ‚vor‘ und sichert den Weg für alle. Damit löst man sich ab. Wer gerade am kräftigsten ist, wer sich mit schwierigen Stellen gut auskennt, der klettert vor. Da wird auch nicht lange diskutiert. Auf diese Weise erreichen alle sicher den Gipfel. Unausgesprochene Solidarität kann man dazu auch sagen.

Mit Daniela Batista dos Santos von ‚The circle of wonderwomen‘ bei Edition F

Solche Seilschaften können wir uns wieder viel mehr gönnen. Gerade auch als Frauen. Und den support geniessen.

Ich habe zum Beispiel gemerkt, dass ich wieder viel leichter und beflügelt arbeiten kann, wenn ich Unterstützung erfahre. Und die Großzügigkeit sofort auch anderen gegenüber auslebe. Das ist wie eine Wellenbewegung, die sich unendlich fortsetzen kann.

 ⇒ Brauchst du Hilfe? Tollen female support bekommt man zum Beispiel bei der wunderbaren Daniela Batista dos Santos mit ‚The circle of wonderwomen‘, und bei Mira Michelle Jones mitsacred female rising‘.

Melodie Michelberger hat das dann auch schön gesagt, in einem Interview mit femtastics 2015.

„Machen und Mut haben. Ja! Und mal laut sein und sagen, was für geile Sachen passieren. Sich supporten und auf die Kacke hauen.“

Das ist dann auch mal ein super Motto für 2017 – ‚Sich supporten und auf die Kacke hauen‘. Ich bin dabei – wer macht mit?

Alles. Liebe. Immer.

Maren*

 

(Diesen Artikel findest auch direkt auf der Seite von Edition F)