Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit – Ein Hoch auf unsere Eltern

photo credit: Jenn Richardson

Mein Vater hatte gestern Geburtstag. Am Sonntag war Muttertag. Bald ist Vatertag. Genug Gründe, um sich mal wieder zu überlegen, was das eigentlich für Menschen sind, die uns da in die Welt gesetzt haben.

Bevor ich gestern meinen Vater angerufen habe, habe ich deshalb zu erst einmal überlegt, was ich ihm eigentlich sagen will.

Es gab Zeiten mit meinem Vater, da hatte ich das Gefühl, wir sprechen verschiedene Sprachen. ‚Walrossisch‘ habe ich dazu irgendwann gesagt. Wann immer ich etwas sagte, konnte ich sicher sein, dass er es völlig falsch verstehen würde. Auf Walrossisch bedeutet mein unschuldiger Satz ‚Danke, ich will nicht mehr‘ nämlich ‚Hey, du blöder Typ, du hast echt keine Ahnung, das ist unterirdisch, dass du mir hier Essen aufdrängen willst und überhaupt konnte ich dich noch nie leiden‘, weswegen aus diesem scheinbar einfachen Satz eine Familientragödie wurde, an deren Ende wir überhaupt nicht mehr miteinander sprachen. Und sein ‚Mach doch wie du willst‘ wurde übersetzt in meine Sprache (vielleicht ‚Eichhörnisch‘?) ‚Ist mir echt total egal, was du machst, jetzt hier, aber ehrlich gesagt auch total generell, weil wenn ich ehrlich bin, du bist mir egal, gut dass wir drüber gesprochen haben‘. Übertrieben? Vielleicht. Aber generell, würde ich sagen, waren wir echt ein Dreamteam für Mißverständnisse. Das A-Team der ungewollten Verletzungen.

Umgekehrt kam mir irgendwann eine Art göttlicher Lichtblitz. Wir alle kennen solch unvorhergesehenen Erkenntnisse, niemand weiß woher sie kommen, man steht gerade einfach andächtig an einer Ecke rum und zack, ist eine da. Bei mir war es der Gedanke, dass ein simples, zugegeben etwas patziges „Du könntest auch mal wieder nach Hause kommen“ vielleicht einfach hieß : ‚Ich habe dich lieb, ich vermisse dich, es wäre so schön dich mal wieder zu sehen‘. Ehrlich, das war ein Erkenntnissprung von galaktischen Ausmaßen. Ich hatte erkannt, dass er Walrössisch sprach! Ah! Ich weiß noch, wie ich an meinem Fenster in München stand, das Telefon in der Hand, und plötzlich laut lachen musste. In Lichtgeschwindigkeit rollten die Szenen meines Lebens an mir vorbei und entfalteten ganz neue Bedeutungen!

Wir selbst suchen uns die Geschichten aus, die wir uns erzählen
photo credit: Les Anderson

Ich begriff eine fundamentale Wahrheit: Wir selbst suchen uns die Geschichten aus, die wir uns erzählen. Wir interpretieren, unterstellen, rätseln, meinen, denken, fühlen in die Aussagen von anderen hinein, was uns am plausiblesten erscheint. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen: Ich habe mir meist die schlechteste, gemeinste Geschichte zu den Worten anderer ausgedacht, die mir möglich war. Aufgrund meiner bisherigen ‚Erfahrungen‘ mit ihnen. Ich kannte sie doch so gut, sie konnten es nur gemein meinen! Ich war doch so schlau, sie genau zu durchschauen.

Das eigene Ego fühlt sich eben wunderbar, wenn es weiß, wie die Welt tickt.

Die Seele findet solche  Geschichten allerdings weniger ansprechend. Die leidet an diesen Stories wie ein Schloßhund. Das Ego hilft dann schnell mit einer großen Prise Selbstmitleid – ach was hatte ich für eine fürchterliche Kindheit. Mein Vater so gefühlskalt, meine Mutter, die immer wegging, wenn Konflikte auftauchten. Dabei vergesse ich dann schnell, dass mein Vater immer früher aufgestanden ist für mich, damit wir in Ruhe frühstücken konnten. Dass meine Mutter mir vorgesungen hat, und mich immer bestärkt hat in meinen künstlerischen Auswüchsen. Dass beide aufs Beste versucht haben, für mich da zu sein.

Klar, es gibt in jeder Familie Augenblicke, da kann man sagen, da ist wirklich etwas richtig schief gelaufen. Und ja, auch wir haben Situationen erlebt, die man sich schöner wünscht. Ehrlicher. Freundlicher. Von Eltern-Seite auch: Erwachsener, klarer und souveräner. Aber hey. Auch meine Eltern sind Menschen.

Gewaltfreier denken – und kommunizieren

Letztens war ich auch in einem sehr erhellenden Workshop zu dem Thema ‚Gewaltfrei kommunizieren‘ (mit der fantastischen Tamara Rohloff, veranstaltet von der visionären und wunderbaren Yasmine Orth von the lovers in Berlin). Da ging es genau darum: ums Mißverstehen. Um Interpretieren, Vorwerfen, Unterstellen, Manipulieren – um die nicht sehr klare Kommunkation, die wir in unserer Gesellschaft so kultiviert haben. Betrifft mich nicht, dachte ich zu Anfang. Ich kommuniziere ja wohl sowas von klar.

Denkste. Mit fortlaufendem Workshop und praxisorientierten Übungen wurde mir immer klarer: Ich spreche immer noch Eichhörnisch. Ich unterstelle und interpretiere, was das Zeug hält. Und das Interessanteste: Ich kommuniziere dadurch nicht nur voller ‚Gewalt‘ – ich denke auch so. Und zwar nicht nur anderen gegenüber. Sondern vor allem mir selbst gegenüber. Wenn ich die Wahl habe zwischen verschiedenen Interpretationen wähle ich mit Sicherheit die Geschichte, die mir am meisten weh tut. Mit der ich mich so richtig schlecht fühle.

Das hat bei meinen Eltern angefangen und seitdem nicht wieder aufgehört.

Wie kriegt man da nur Die Kurve?

Naja, immerhin bin ich mittlerweile auf einem Weg der Besserung, beziehungweise, der schrittweisen Erkenntnis. Wenn wir nämlich erstmal ’nur‘ gewaltvoll denken, bedeutet das auch etwas ganz Wunderbares: Wir sind darin eigenständig und frei. Wir können wählen, was wir denken. Wir können denken, was wir wollen.

Und deshalb ist es eben auch nie zu spät für eine glückliche Kindheit.

Das erste Mal erkannt habe ich das bei besagten Telefonat an einem Nachmittag vor 11 Jahren. Ich erkannte, dass es wichtig ist, zu übersetzen. Zu schauen, was in einer Aussage wirklich wahr ist. Wie ich mit solchen Aussagen umgehe. Dass hier niemand Macht über mich hat. Auch nie hatte. Denn das ist es ja, was uns gerade in Familienbanden so oft hilflos fühlen lässt: Wir haben das Gefühl, wir sind die Opfer von den Launen der Stärkeren (eben unserer Eltern/ Geschwister etc). Aus diesem Karussel auszusteigen erfordert viel Mut und Vertrauen. Aber es lohnt sich. Einmal aus dem Karussel raus kann ich sogar mir selbst als kleinem Mädchen zuschauen.

Die Kleine – von mir bisher seit Jahren mit einer großen Portion Selbstmitleid versorgt – begegnete mir letztens in einer Meditation. Und was sagte sie mir? Sie sagte nicht: ‚Mann, hatte ich ein Scheißleben‘ Sie sagte: ‚Hey, mir geht es gut. Ja, gut, das war keine schöne Situation damals. Aber auch darin war ich sicher. Ich habe schon als Sechsjährige dafür gesorgt, dass es mir gut geht. Ich habe Zeit für mich eingefordert, ich war soviel wie möglich draußen, ich habe darauf geachtet, was ich brauche. Ich war schlau‘.

photo credit: Annie Sprett

Als sie mir das so ins Gesicht lächelte, da hat sich in mir ein riesiger Kloß gelöst. Ich brauche mein Selbstmitleid für meine Familiengeschichte gar nicht. Ich brauche kein Drama um mich zu kreieren. Ich muss meine Ängste nicht forcieren und erklären. Denn: Ich war immer okay. – Und meine Eltern und ich – wir waren auch immer okay. Vielleicht nicht immer in der Bilderbuch-Variante. Aber hart auf hart: Okay.

Das Beste tun und das Beste einladen

Ich habe im Zuge meiner Coaching-Ausbildung die Kraft der Gedanken richtig nutzen gelernt. Und angefangen, mein Denken neu auszurichten. Auszurichten auf ein Gefühl von Unterstützt Sein, Aufgehoben Fühlen, Anerkannt Werden, in friedvoller Begegnung zu sein. Mit meinen Mitmenschen, Arbeitskollegen, Partnern – aber eben auch mit meinen Eltern.

Das hat zu unglaublichen Lösungen geführt. Auf die meine Eltern selbst gekommen sind. Es hat zu Gesprächen geführt, von denen ich niemals gedacht hätte, dass sie in einer solchen Form statt finden könnten. Ohne dass ich irgendwie dazu gedrängt hätte. Ehrlich gesagt, für mich war das innerlich irgendwann so gelöst, dass ich im Außen ganz vergessen hatte, dass da noch was gelöst werden könnte. Bis ich in Gesprächen plötzlich merkte: Hey, ich höre gerade Sätze, von denen habe ich mir immer gewünscht habe, sie zu hören. Wie ‚Du bist eine tolle Tochter‘. ‚Was haben wir für ein Glück‘. ‚Wir freuen uns, wenn du vorbei kommst‘. ‚Du bist mutig, und wir vertrauen dir‘.

Es war als spächen wir endlich in der gleichen Sprache. Nicht walrössisch oder eichhörnisch – sondern herzlich. Auf deutsch.

Nun habe ich letztens einer Freundin meine Familiengeschichte erzählt – und darin gibt es ein paar Punkte, die bei anderen große Mitleidsaugen hervorrufen – und merkte plötzlich, wie frei sich das anfühlte.

Sich Von den eigenen Stories lösen

Ich hatte mich von meiner eigenen Interpretation gelöst. Ich hatte mir erlaubt, die ganzen Geschichten fallen zu lassen, was gut war und was schlecht, was voller Liebe und was nicht.

Photo credit: Lotte Meijer

Und ich konnte plötzlich sehen, mit wie viel Liebe und Lebenswillen meine Eltern dieses Leben mit mir und um mich gestaltet haben. Wie sie immer im Kern ihr Bestes versucht haben. Ich konnte auf einmal soviel Liebe spüren für zwei Menschen, die wirklich am Leben geblieben sind, mit vielen Momenten der Freude, Liebe und Vertrauen, egal wie fürchterlich die Situation war. Ich habe mich plötzlich gesegnet gefühlt. Dass diese beiden meine Eltern sind. Dass sie so vorwärts gegangen sind. Für sich – und für mich.

Und ich hatte plötzlich ein Gefühl von einer wirklich schönen und gesegneten Kindheit. Von viel Sicherheit. Von Liebe und Lachen und Möglichkeiten. Ob das nun vorher schon da war, und nur versteckt? Oder ob ich mir nun alles schön male? Ob ich es einfach in meiner Erinnerung ‚übersehen‘ habe? Ganz ehrlich – am Ende ist mir nun egal, wie die ‚Realität‘ war. Wir haben ja sowieso alle unsere eigenen Realitäten. Unsere eigenen Sprachen. Einhörnisch, Radiesisch, Eigenbrötlerisch. Wie auch immer. Aber die Sicht jetzt – die tut mir einfach unglaublich gut. Die macht mir Freude, die macht mein Herz weit und die will ich teilen.

Auch mit meinem Vater. Dem ich zum Geburtstag am Telefon dann auch gesagt habe, wie sehr ich das sehen kann, dass er da irgendwie immer vorwärts gegangen ist aus lauter Liebe. Zusammen mit meiner Mutter. Und dass ich weiss, dass sie mir damit ein Leben in Liebe und Freiheit und Wachheit ermöglicht haben.

Das wollte er dann wieder nicht hören. Sein Walross-Herz ist dann immer zu gerührt. ‚Weiß ich doch‘, sagt er dann. ‚Spür ich doch, ist ja gut jetzt‘.

Deswegen sage ich es jetzt hier noch mal in aller Ernsthaftigkeit. Auf Deutsch.

Ein Hoch auf unsere Eltern!

Eltern sein ist wahrlich nicht ganz leicht. Unsere Eltern versuchen wirklich ihr Bestes.

Mag sein, dass das nicht immer genug ist. Mag sein, dass wir finden, dass sie manchmal total versagt haben. Aber sie haben uns bis hierher gebracht. Wir können hier stehen, weil sie den Weg für uns vorgegangen sind.

Manchmal haben Eltern nicht viel mehr tolles geschafft, als uns auf die Welt zu bringen. Im Buddhismus gebührt ihnen allein dafür absoluter Respekt und Liebe.

Denn es ist verdammt schön auf dieser Welt zu sein. Ich bin darüber auf jeden Fall richtig froh. So froh, dass ich manchmal hüpfe – oder die Musik ganz laut aufdrehe – oder Schlangenlinien mit dem Fahrrad fahre. Oder – wie mein Vater – im Wasser prustend durchs Wasser plantsche und so tue als wäre ich ein Walroß.

Alles Liebe. Immer.

Maren*

photo credit: Anne Oschatz