Getting naked into the arena – warum Kritiker am Ende egal sind

Wow. Da stehe ich mal wieder an dem Punkt an dem ich nicht weiss, was ich denn bitte in dieser Woche schreiben soll, und dann kommt das nächste Thema mit einem Wumms um die Ecke, dass ich schon fast lachen muss.

Am Wochenende ging es im Ausbildungswochenende zur Medizinfrau darum, in die eigene Kraft zu kommen. Ja klar, kann man da sagen. Im geschützten Rahmen werde ich dir immer sagen, dass ich voll für das stehe, was ich tue und dass ich dafür ganz gehe. Ich bin doch ich und als die stehe ich auch in dieser Welt. Bis ich damit da draußen bin. Da kann ich das noch im Kreise von Freundinnen. Klar, ich stehe hier und mache total mein Ding. Bis ich vor anderen stehe. Geschäftspartnern, Arbeitskolleginnen. Der Gesellschaft. „Allen anderen“. Auch dann kann ich noch vertreten woran ich glaube – solange das alle gut finden. Ich kann das wirklich lange voller Selbstvertrauen durchhalten. Bis mich jemand anspuckt. Oder auf mich zeigt. Oder versucht, klein zu machen, woran ich glaube.

— Ist von euch schon mal jemand angespuckt worden? Ich meine das nicht literarisch, ich meine in echt.  —

Ich ja. Und ich sage euch, es gibt wirklich angenehmeres im Leben. In den Ausschnitt gespuckt wurde mir in London von einem Mann – vielleicht war er auch Londoner mit Hass auf Touristen. Fair enough – eine Erfahrung, die viele Menschen täglich erleben, also ich auch. Die Tränengasgranaten, die ich erlebt habe, die kamen von Soldaten, dafür, dass wir einen friedlichen ‚Walk for Peace and Earth‘ in Israel gegangen sind. Ganz andere Nummer.

Das erste Mal für das, woran du glaubst, auf die Strasse zu gehen, ist einfach.

Das zweite Mal – nach dem Shitstorm, nach den Granaten, nach dem Spucken, und dem Kleinmachen – das ist eine ganz andere Nummer. Das zweite Mal und dritte und vierte Mal. Ohne die Rüstung anzuziehen. Mit offenem Herzen. I tell you – for me that is quite something. Und ich habe es auch nicht immer geschafft in meinem Leben.

Und auf dem Seminar habe ich dann auch 3 Tage mit mir gerungen, das laut auszusprechen.

Ja, ich gehe für die Liebe zu Mutter Erde. Ja, ich gehe für eine friedliche Gemeinschaft. Ja, ich gehe für die Kraft der Frauen und für die Balance zwischen männlicher und weiblicher Energie auf diesem Planeten. Ja, ich gehe für das Leben. Ja, ich gehe für eine friedliche Gemeinschaft. Ja, ich gehe für Heilung und das sie wichtig ist für diese Erde und für uns. Ja, ich gehe für einen nachhaltigen, respekt- und liebevollen Umgang mit der Natur. Ja, ich gehe für einen nachhaltigen, respekt- und liebevollen Umgang miteinander. Ja, ich werde rausgehen, und mich verletzlich zeigen. Ich spucke nicht zurück. Aber ich verstecke mich auch nicht hinter anderen.

Die Kritiker machen mir Angst, aber das ist okay.

Also habe ich am Wochenende JA gesagt. Zu mir selbst.

Ich hatte ehrlich nicht gedacht, dass mich das so in meine Grundtiefen erschüttern würde. Aber das hat es. Weil es eben mit einschließt, das ich mich willentlich verletzlich mache. Weil ich damit ohne Rüstung in die Arena steige.

Angstschweiß, Zögern, Kopf in den Sand stecken, so tun als ob – ich habe das ganze Programm absolviert. Aber am Ende bin ich auch nur wieder bei mir selber angekommen, und bei der Frage, ob ich ein Leben mit Kopf im Sand leben will – oder eben nicht.

Und das ‚eben nicht‘ – das ist dann doch so stark, dass ich mich lieber anspucken lasse, als nichts von der Welt (oder London) zu sehen. Spucke kann man abwaschen. Nach Tränengasgranaten und dem sich legenden Nebel wieder aufstehen. Und ich habe mir dann selbst versprochen, auch wieder ein zweites Mal zu gehen.

To walk the walk. To walk my walk.

Brene Brown spricht darüber wunderbar in ihrem brillianten Talk https://www.youtube.com/watch?v=8-JXOnFOXQk : Why your critics aren’t the ones who count und sie zitiert Franklin D. Roosevelt:

“It is not the critic who counts; not the man who points out how the strong man stumbles, or where the doer of deeds could have done them better. The credit belongs to the man (e.g. Woman) who is actually in the arena, whose face is marred by dust and sweat and blood; who strives valiantly; who errs, who comes short again and again, because there is no effort without error and shortcoming; but who does actually strive to do the deeds; who knows great enthusiasms, the great devotions; who spends himself in a worthy cause; who at the best knows in the end the triumph of high achievement, and who at the worst, if he fails, at least fails while daring greatly“

In die Arena zu steigen, nach der Vorbereitung in der Umkleidekabine, nach allem Angstschweiß, Horrorszenarien und nach der Übelkeit, nach und mit all dem tatsächlich in die Arena zu steigen – ohne Rüstung, sondern allein mit dem, was man selber für richtig hält. Was einen am Leben hält und für das man brennt. Das ist das, was zählt. Sich zu erlauben, verletzlich zu bleiben und es zu probieren. Und die Kritiker sogar dazu einzuladen. Sie werden sowieso da sein. Dann bitte schön, geben wir ihnen eben ein Teaching mit auf den Weg. Denn wir tun, was wir für richtig halten und schauen nicht weg.

Ob das am Ende des Tages nun die Demonstration ist, oder der Weg zur Kita, um die Kinder abzuholen und mit ihnen auf den Spielplatz zu gehen – das ist doch egal. Gemeine Menschen gibt es überall, und wir wissen, dass sich in unserer Gesellschaft gerade Mütter für alles rechtfertigen müssen, was sie tun oder nicht tun. Und auch Worte können sich anfühlen wie Tränengasgranaten.

— In der Arena zu sein – für uns, unsere Kinder (echte und künstlerische) – für unsere Vorstellung von einem schönen und guten Leben – für unsere Überzeugungen – das ist die Kunst, die wir jeden Tag aufs Neue auf die Leinwand bringen ‚müssen‘. Raw&real, ehrlich und verletzlich und aufrecht.

Viel Spaß dabei.

Und alles Liebe. Immer.

Eure Maren*