Schrei, wenn du schreien willst!

youarethesunshinethatmakesmydayWann hast du das letzte Mal so aus voller Kraft geschrien? – Lange her, wahrscheinlich.. Und wann hattest du das letzte Mal so richtig Lust dazu? Noch nicht so lange her…Vielleicht.

Ich habe letzte Woche in einer meiner vielen Auseinandersetzungen mit meinem nachts singenden und weinenden und laut Musik hörenden Nachbarn das erste Mal wieder seit langem geschrien. – Zur Versicherung meiner geistigen Gesundheit muss ich dazu sagen, dass ich davor wirklich schon alles probiert hatte: von freundlichem Bitten, über Kuchen am Nachmittag, bis zu langen Gesprächen über seine Traurigkeit… Nichtsdestotrotz und obwohl er weiss, dass ich ihn sehr genau höre, dreht er regelmäßig weiter seine herzzerreißende Musik auf und weint dazu. Letzte Woche war ich dann am Ende meiner Ideen, was noch helfen könnte,  – und da habe ich einfach mit geschrien. Ich habe die Tür aufgerissen und laut und animalisch gebrüllt. Ich habe mich gefühlt wie eine Amazone auf dem Kriegspfad. Ich habe mich gefühlt als würde ich mit jedem Schrei sagen: Do not mess with me! Ich habe die Tür wieder zu geknallt und war ehrlich verblüfft. Darüber wie gut es sich angefühlt hat, meiner geballten Wut Raum gegeben zu haben. Ich habe mich kraftvoll gefühlt. Und erleichtert. 1 Minute später war die Musik aus und Ruhe im Stockwerk über mir.

Und wie gerne möchte ich mich an die Seite der Menschen von standing rock stellen und schreien. Schreien für eine gerechtere Welt. Und manchmal möchte ich vor dem Bundeskanzleramt stehen und einfach nur schreien. Einfach mal wütend und wild zurückschreien. Schreien, wann wir endlich lernen, dass es so nicht weiter geht mit dieser Welt und wieviele Generationen lang wir das noch nicht verstehen wollen. Schreien, weil ich es nicht fassen kann, dass die klarsten Dinge – wie der Schutz von Trinkwasser – nicht zu den obersten Prioritäten gehören. Schreien, dass immer noch Waffen exportiert werden und Kriege in Kauf genommen werden. Schreien, dass wir diese Erde nicht schützen sondern weiter und weiter ausnutzen. Als ob es noch mehr gäbe als diese eine. Als ob sie nicht heilig wäre.

Manchmal stelle ich mir dann vor, wie wir alle zusammen schreien. Und ob dann auch im andern Stockwerk endlich mal Ruhe wäre.

Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich wären sie kurz verstört und würden dann weiter machen wie bisher.

Ich sage also nicht, schrei immer und soviel du kannst. Ich sage nicht, schrei alle an, wenn sie eine andere Meinung haben als du. Oder schrei generell mehr. Ich will eigentlich nur sagen, dass ein kraftvoller Schrei absolut befreiend sein kann. Besonders Frauen weinen lieber als ihre Wut raus zu schreien. Oder sie versuchen diplomatisch eine Lösung für alle zu finden – das mach ich zumindest gerne. Aber dieser Schrei letzte Woche hat mich daran erinnert, dass ich früher öfter mal nachts auf die Brücke überm Fluss gegangen bin und in die Strömung geschrien habe. Nachts und am Fluss – da stört man die Nachbarn nicht. Und die paar Spaziergänger wechseln kurz die Seite und gehen weiter. Mein Schrei ist archaisch und er ist tief und er kommt von ganz unten. Wenn ich geschrien habe fühl ich mich geerdet, verbunden und freier als davor. Und auch wenn ich ein Leben des freundlichen Mitgefühls anstrebe – wenn die Wut da ist, geht es mir besser wenn ich ihr einen Kanal gebe, als wenn ich so tue als wäre sie nicht da.

Im Stimmtraining ist der Schrei eigentlich nichts womit man sich groß befasst. Obwohl er nur durch die Stimme möglich ist. Der Schrei hinterlässt einen gern mit einer etwas angekratzten Stimme – ist also auf der Ebene nicht wahnsinnig gesund. Gesünder ist da das freie und beherzte ‚Rufen‘. Mit einem klaren und präzisen ‚HEY‘ habe ich schon öfter Aufmerksamkeit und Ruhe erhalten als durch endloses Bitten, oder sehr lautes Sprechen. Aber ich möchte den Schrei dennoch nicht missen. Er ist Ausdruck meiner Selbst wie meine Stille und meine Freude. Nur weil er in unserer Gesellschaft so einen schlechten Ruf hat, heisst das nicht dass er nicht manchmal absolut notwendig und befreiend ist.

In diesem Sinne: Mal wieder ins Kissen schreien, oder in die Strömung des Flusses, vom Turm oder in die Brandung des Meeres.

Wenn nötig auch mal wieder für etwas wichtiges Schreien.

Mein Schrei sagt: Ich bin da. Ich bin hier. Ich lebe. Ich spüre meine Wut und ich lasse sie frei – denn dann kann sie gehen und vergiftet mich nicht mehr. Das ist meine Grenze. Das ist mir wichtig. Bis hierhin und nicht weiter. Das hier bin ich. Ich lebe. In dieser unglaublichen Welt.

Was sagt dein Schrei?

 

Und wenn du nicht mehr schreien willst – sondern singen – dann schau mal rein beim Hamburger Kneipenchor. Die haben mich in meiner Wut am Fluss dann völlig überrascht mit einem Konzert im Alten Elbtunnel. Großes Kino. Und der Beweis, dass Wut auch nur ein Gefühl ist, dass sofort wieder vorbei sein kann, und Freude und Tanz- und Singlust Platz macht. Womit wir dann auch schon wieder auf unserem fröhlichen Weg zur Erleuchtung wären. Hurra. Und um im KonText zu bleiben: Home is wherever i am with me. Home is wherever we are with us. Ahey.