Was machen mit dem inneren Kritiker? – Für einen liebevolleren Umgang mit uns selbst

Da ist er wieder, der innere Kritiker. Und hat seine helle Freude mit mir! Es begann damit, dass ich den Wohnungsschlüssel einer Freundin verlor. Oder besser: Der Schlüssel verlor sich selbst.

Kennt man: Man legt ein Ding an seinen Platz, weiß ganz sicher, dass man das getan hat, aber das Ding ist nicht an seinem Platz, wenn man es wieder nehmen will. Es ist auch sonst nirgendwo. Man sucht und sucht, das Ding bleibt verschwunden. So auch der Schlüssel. Das erste Rätsel. Mein Kritiker war bereits aufgestanden und hatte sich voller Interesse vorgebeugt. Wenn alles rund läuft, sitzt er ja meist friedlich in der Ecke und rührt sich nicht. Aber wehe, es ist mal wieder der Wurm drin. Dann springt er auf und schreit, dass einem Hören und Sehen vergehen kann.

Das war aber erst der Auftakt: Bei mir war sicherlich 2 Wochen lang der Wurm drin. Und wer weiß, ob ich schon über den Berg bin..

Als nächstes verursachte ich einen Mini-Auffahrunfall mit dem Wagen eines Freundes. Auto schon oft geliehen, umsichtige Fahrerin, nie etwas passiert. Aber diesmal. Ein Moment Unachtsamkeit und ein Rücklicht- und Lack-Schaden beim Auto vor mir. Seufz. Mein Kritiker rieb sich die Hände. „Wieso?“ rief er böse. Und: „Hättest du nicht besser aufpassen können?“ – Was soll man da sagen. Es war ja schon passiert. Genau deswegen ist man dem Kritiker ja so oft hilflos ausgeliefert. Man kann gar nichts mehr ändern.

Wir können ja leider immer noch nicht die Zeit zurückdrehen. (Obwohl: Ein Freund und ich arbeiten auf Hochtouren daran! 3 Sekunden, so unsere Annahme, würden bereits reichen, um die ungünstigsten Entscheidungen umzukehren. Absolute Geheimhaltung bis zur Veröffentlichung!)

Nun, ich holte die Versicherungspapiere raus (endlich kann auch ich das mal sagen: Ein Hoch auf die Versicherungskultur!!!) und fuhr trotzdem in das verlängerte Wochenende mit dem Wagen ans Meer. Das wunderschön war. An dessen Ende der Wagen komische Geräusche beim Lenken machte. Aus dem Nichts. Eben gefahren, kein Problem, dann geparkt, wieder losgefahren – plötzlich waren die Geräusche da.

An dem Abend war der Kritiker so richtig aus dem Häuschen. Nichts könne ich je heil lassen, alles würde ich immer kaputt machen, wer das bezahlen solle, wie ich nur so unaufmerksam sein könne, man könne mir nicht vertrauen, ich wäre absolut unzuverlässig.

Da stand ich nun. Mit mir selbst. Fühlte mich unnütz. Und Unfähig. Und unverantwortlich. Und Klein.

photo credit: Vance Osterhout

Alle meine Fehler lagen so ausgebreitet vor mir auf dem Tisch.

Wenn wir mit neuen Dingen beginnen, geht es uns meist ganz genau so. Wir beginnen zu lernen und das erste was uns begegnet, sind all die Dinge, die wir NOCH NICHT KÖNNEN! Die wir NOCH NIE RICHTIG gemacht haben! Die uns HINDERN und IMMER HINDERN werden. Da möchte man manchmal gleich zu Beginn auch schon wieder aufgeben.

Beim Stimmtraining ist das ganz ähnlich wie im Leben.

Wie oft erlebe ich es, das Klienten mir als erstes erzählen, wie unzuverlässig ihre Stimme ist. Wie sie wegbleibt, oder zu leise ist. Wie sie aber einfach nicht lauter sprechen könnten. Dazu wären sie unfähig.

Klingt wie ein innerer Kritiker? – Tja, der ist es auch, der da spricht.

Meine Ausbilderin hat dazu einmal die weisen Worte gesprochen, die sich in mein Hirn eingebrannt und mich seither nicht mehr verlassen haben: Habe deine ‚Fehler‘ gern. Danke ihnen. Wir sind alle sozialisiert worden, und unsere Stimme hat sich häufig den Anforderungen unseres Lebens angepasst. Und erstmal dafür gesorgt, dass wir überleben. Eine leise Stimme haben wir vielleicht bis hierher gebraucht. Eine hohe Stimme hat vielleicht dafür gesorgt, dass wir bekommen, was wir brauchen.

Und jetzt, im Stimmtraining, da schauen wir nicht, wie wir das alles sofort wegkriegen. Sondern wir schauen einfach mal, ob wir einen anderen Weg einschlagen können. Mal probieren, was passiert, wenn wir Übungen für eine tiefere Stimme anwenden. Oder wie es ist, mehr Atem zu haben. Wenn wir dann im Alltag doch wieder nach oben kieksen – okay – wir können aber weiter üben. Mit der Zeit – und der Übung – gewöhnt sich unser Selbst an das entspanntere, ruhigere und selbstsichere Sprechen. Das ist das Wunder der Wiederholung. Eines Tages werden wir merken, dass wir den Wechsel gar nicht mitbekommen haben. Und es wird sich leicht anfühlen.

Was sagt uns das für unseren inneren Kritiker? Das er statt einem bösen ‚Oh nein, nicht der schon wieder‘ ein bisschen mehr Aufmerksamkeit verdient hat. Er sagt, ich bin unachtsam. Na gut, dann beginne ich jetzt, mit ihm achtsam zu sein. Ich schau mir genau an, was passiert ist. Und vielleicht kann ich ihm sogar – wie auch meinen ‚Unzulänglichkeiten‘ sagen – hey, ich sehe dich, mein Lieber, und ich verstehe, warum du da bist. Ich bin hier, ich bin für mich da, ich bin fähig und ich bin sogar fähig, dich zu lieben. Auch wenn ich dich gar nicht mag. Ich liebe dich.

— Wer das mal selber ausprobiert, wird feststellen, dass er sich dann endlich entspannen kann. Und wir kommen wieder in unsere eigene Macht. Wir können wieder merken, dass wir lebensfähig sind. Das auch diese ganzen Versehen und Probleme lösbar sind. Eins nach dem anderen. Mit Ruhe und Entschlusskraft.

So geschehen mit allen verschwundenen und kaputten Gegenständen. Wenn ich mich entspanne, kann ich am Ende auch sehen, dass auch die Bremsen am Auto kaputt waren, aber noch so lange gehalten haben, dass wir heil nach Hause gekommen sind. Wenn ich zwischen einem Auffahrunfall und einem schweren Verkehrsunfall mit kaputten Bremsen wählen darf, nehme ich das Auffahren. In dem Sinne bin ich am Ende noch ganz glimpflich davon gekommen.

So geschehen auch mit allen Stimmen, die erst nicht voll zur Verfügung standen und dann mit Aufmerksamkeit, Entspannung und Fokus auf einmal wieder in Kraft und Reichweite hörbar waren.

photo credit: Eddie Kopp

Mit liebevoller Aufmerksamkeit bei sich selbst bleiben. Und sogar das lieben an uns, mit dem wir am wenigsten einverstanden sind. Das ist wahrscheinlich eine lebenslange Aufgabe. Aber eine lohnenswerte. Ich bin bereit. Auch weil das mit der ‚Zeit-Umkehr-Maschine‘ noch ein bisschen dauern wird. Und ich lieber jetzt ein helles und glückliches Leben leben will.

Die gute Nachricht: Es wird wirklich mit jedem Mal üben leichter. Na dann, lieber Kritiker, schau gerne mal wieder vorbei. Ich bin da!

Alles Liebe.

Immer.

Maren*

photo credit: Anne Oschatz